Befana und die drei Könige

Eine Geschichte von Milena Isensee

 

Ein neues Jahr war angebrochen und damit auch neue Abenteuer. So zumindest haben sich Mia und Max das gedacht.

„Schau mal, Max, wie ich aussehe!“, rief Mia freudig und drehte sich vor dem Spiegel im Flur hin und her.

Ihre Hände gingen förmlich in dem langen purpurfarbenen Mantel unter, während ihr Gesicht von einem weißen Rauschebart verdeckt war.

Max war in ein ähnlich prächtiges Gewand gehüllt, entschied sich jedoch, auf den Bart zu verzichten. Irgendwo musste auch eine Grenze sein, fand er.

„Na, wenn das nicht zwei der Heiligen Drei  Könige sind. Welch edler Besuch in meinem bescheidenen Heim, dabei bin ich nicht einmal das Christkind.“

„Mensch, Opa! Wir sind es doch.“

„Wer ist wir?“, fragte Opa Mia daraufhin schelmisch grinsend.

„Na, ich: Mia. Und das ist der Max.“

„Das weiß der doch“, murmelte Max Augen rollend.

„Ich? Ich weiß nichts.“ Die Augen des Großvaters funkelten, während er so unschuldig wie möglich zu gucken versuchte.

„Wer’s glaubt, Opa“, winkte Max ab.

„Jetzt lass doch den Opa in Ruhe, Max. Gib mir lieber meine Krone!“

Fordernd streckte Mia ihre Hand aus.

„Königliche Allüren sind das schon mal. Für Morgen seid ihr bestens vorbereitet.“

„Was heißt das?“, fragte Mia, während Max ihr die Pappkrone überreichte.

„Was heißt was?“, fragte der Opa verwirrt.

„Allieren?“

„Ah, Allüren. Das heißt Benehmen. Ich meinte damit, dass du dich schon königlich verhältst.“

„Klar, bin ja auch eine Prinzessin.“

„Einbildung ist auch eine Bildung“, murmelte Max. Ein Spruch, den ihr Vater gern zum Besten gab.

„Stimmt gar nicht! Papa sagt, ich bin seine Prinzessin. Kann ja nichts dafür, dass er dich nur Lausbub nennt.“

Da Max daraufhin nichts zu erwidern wusste, streckte er seiner Schwester frech die Zunge entgegen.

„Streitet ihr schon wieder?“, kam es mahnend aus dem Wohnzimmer.

„Nein, Mama!“, riefen die Kinder im Einklang. Jetzt waren sie sich wieder einig. Mamas Unmut wollte keiner auf sich ziehen.

„Freut ihr euch schon auf morgen?“, fragte Opa Helmut.

„Und wie, wir werden durch die Straßen ziehen und tolle Lieder singen.“

„Die Türen der Nachbarn dürfen wir auch mit Kreide bemalen“, ergänzte Max stolz.

„Na dann gehe ich mal davon aus, dass ihr alles über die Heiligen Drei Könige wisst?“, fragte ihr Opa lauernd.

„Natürlich! Sie hießen Caspar, Melchor und Baltasar und kamen aus dem Morgenland. Sie brachten Weihrauch, Gold und Myrrhe.“

„Manchmal heißt es, sie waren Könige, manchmal nur Sterndeuter“, fügte Max hinzu.

„Genau, aber wichtig ist, dass sie den weiten Weg kamen, um das Jesuskind zu sehen“, endete Mia.

„Oh, dann wisst ihr ja schon eine Menge.“

„Und ob!“, erklang es stolz von den Kindern.

Sie waren sich sicher, dieses Mal, wussten sie bereits alles was es zu wissen gab.

„Na dann wisst ihr sicher auch, dass die drei zuvor eine Hexe aufgesucht hatten.“

Die Kinder blinzelten.

„Bitte, was?“

„Eine Hexe?“

Ein breites Grinsen stahl sich auf die Lippen des Großvaters.

„Ihr habt richtig gehört: Eine Hexe.“

„Da war doch keine Hexe“, winkte Max ab. Davon wüsste er.

„Genau. Hexen kommen in der Weihnachtsgeschichte nicht vor.“

„In der italienischen schon, oder warum glaubt ihr, werden die Kinder dort von der Hexe statt von dem Weihnachtsmann beschenkt?“
„Eine Hexe, die Geschenke bringt?“ Max war nicht überzeugt.

„Ja, und Kohle für die unartigen Kinder. Wobei sie heutzutage schwarze Bonbons verteilt. Auch eine Hexe muss schließlich mit der Zeit gehen.“

„Du willst uns auf den Arm nehmen, oder?“

„Nein. Großes Ehrenwort“, schwor der Opa. „Heute Nacht fliegt über Italien die Hexe Befana und verteilt ihre Geschenke, welche morgen von den Kindern ausgepackt werden.“

„Aber warum?“, fragte Mia nun neugierig.

„Und was hat das genau mit den Heiligen Drei Königen zu tun?“

„Na dann kommt mal mit in die gute Stube, dann erzähle ich euch die Geschichte.“

Kaum auf der Couch Platz genommen, brachte ihre Mutter heiße Schokolade und Kekse. Sie kannte ihren Schwiegervater gut genug und wusste, dass er es sich nicht nehmen ließ, den Kindern neue Geschichten zu erzählen.

„Danke, Mama!“ Freudig tranken die Kinder von ihrem Kakao, während der Opa genüsslich seinen Kaffee trank.

„Also, bevor die Heiligen Drei Könige sich auf den Weg zum Jesuskind nach Betlehem machten, besuchten sie eine Hexe.“

„Befana“, ergänzte Mia.

„Genau, die Hexe Befana.  Aber die saß noch gemütlich an ihrem Webstuhl, als die drei Könige bei ihr klopften. Die drei baten sie sie zu begleiten, aber in Gegensatz zu den Königen reiste die Hexe mit dem Besen und sah es gar nicht ein, so früh schon loszuziehen. Die hole ich locker ein, dachte sie sich wohl.“

„Hat sie ja auch Recht“, murmelte Max.

„Sie hätte ja auch mit den dreien gemeinsam laufen können“, wandte Mia ein. „Zusammen macht es viel mehr Spaß.“

„Ja, und Blasen an den Füßen gibt es obendrein“, erklärte Max mit vor der Brust verschränkten Armen.

„Du klingst schon wie ein alter Opa.“

„Also so stell ich mich nicht an“, konnte Opa Helmut die Anschuldigung nicht auf sich sitzen lassen.

„Aber na ja, jedenfalls stand der Hexe nicht der Sinn danach,  so früh loszuziehen. Es gab aber ein Problem: Ohne die Sterndeuter fand sie den Weg nicht.“

„Hätte ihr Navi einschalten sollen“, scherzte Max.

„Das gab es damals noch nicht“, warf Mia ein.

„Das weiß ich selbst. Das war ein Scherz.“

„Wer seinen Witz erst erklären muss, ist nicht lustig“, zitierte Mia ihre Mutter.

„Wollt ihr jetzt wissen wie es weiter geht oder nicht?“

„Entschuldigung, Opa“, erklang es unisono.

Der Opa räusperte sich. „Weil die Hexe nicht wusste wohin sie fliegen sollte, klapperte sie jedes Haus auf der Suche des Jesuskinds ab und ließ Geschenke für die Kinder da. Ob es ihr so gut gefiel oder sie noch immer nach dem Kind sucht, kann ich nicht sagen, fest steht jedoch, dass sie die Kinder Italiens bis heute von der Nacht des 5. auf den 6. Januar besucht.“

„Und immer noch kein Navi hat.“

„Du bist noch immer nicht lustig.“

„Finde ich schon“, hielt Max dagegen.

„Kommt zu ihnen dann der Weihnachtsmann und die Hexe Befana?“, wunderte sich Mia.

Wenn ja, würde sie nach Italien ziehen, so viel stand fest.

„Nein, der Weihnachtsmann und sie haben ein ausgeklügeltes System und kommen sich nicht in die Quere.“

„Ach so…“

Zum einen war Mia erleichtert, wäre ja sonst schon ziemlich unfair. Auf der anderen Seite war sie enttäuscht, was für Möglichkeiten sich da ergeben hätten.

„So, meine Sternsinger, passen eure Kostüme oder muss ich noch etwas ändern?“, fragte ihre Mutter amüsiert, nachdem sie die Stube betrat.

Ups, da war ja was! Schnell sprangen die Kinder auf und liefen zurück zum Spiegel. Doch nicht nur die Tauglichkeit der Kostüme wurden geprüft, sondern auch die der Stimmen.

Schließlich war ihr Auftritt nicht mehr weit.

Wie hieß es so schön?
Gesundheit und Kraft im neuen Jahr wünschen euch Caspar, Melchior und Balthasar!

 

Das Bild ist von >Microsoft Bing Image Creator< mit KI erstellt worden.