„Opa!“, riefen Mia und Max im Chor, kaum, dass sie durch die Haustür traten.
Ihre Stimmen hallten durch die warme Stube, bis hinauf in den zweiten Stock.
„Erschreckt doch den Opa nicht so“, wies ihre Mutter sie mit strengem Blick zurecht.
„Ach was“, kam es von links und im nächsten Augenblick bog ihr Opa um die Ecke.
„Da braucht es schon mehr, um mich zu erschrecken.“
„Sie müssen ja trotzdem nicht wie die Wilden durch das Haus brüllen.“
„Ja, Mama“, wurde artig geantwortet. Der Blick der Kinder lag noch immer gespannt auf ihrem Opa.
„Du Opa? War der Nikolaus auch bei dir?“, traute sich Max zu fragen.
„Freilich. Ihr seid doch nicht etwa neugierig, was er euch gebracht hat, oder?“
„Vielleicht“, erwiderte Mia zögerlich.
„Natürlich. Wir haben ja auch unsere Schuhe geputzt“, kam es mutiger von Max.
„Na, dann seht mal nach.“
Mehr Ermutigung brauchten die Kinder nicht, waren schon Feuer und Flamme. Aber nicht mit Mama.
„Erst die Schuhe und Jacken ausziehen!“
„Ja, Mama.“
Gesagt, getan und schon liefen sie durch den Seiteneingang in die Waschküche.
Die Augen der Kinder wurden groß, als sie ihre gefüllten Stiefel sahen.
Sogleich schnappte sich jedes Kind seinen Schuh.
Der Apfel wurde herausgefischt und zur Seite gelegt, ebenso die Nüsse und die Mandarine. Viel interessanter waren erst einmal die Süßigkeiten im Inneren des Stiefels.
„Der Apfel ist das Wichtigste. Das wisst ihr, oder?“, drang die tiefe Stimme des Opas zu ihnen.
„Ja, Opa“, kam es im Chor. Immerhin wurde ihnen die Geschichte mit dem armen Vater und seinen drei Töchtern jedes Jahr erzählt.
„Aber wir wollen auch wissen, was sonst noch drinnen ist“, verteidigte sich Max.
„Den Apfel essen wir aber“, beschwichtigte Mia.
„Dann ist ja gut. Kennt ihr eigentlich die Geschichte mit dem Korn?“, fragte Opa, während die Kinder ihr Naschzeug sortierten.
„Welches Korn?“, fragte Mia.
Max hatte bereits seinen Nikolaus aufgerissen und war schon am Kauen.
Opa Helmut lächelte zufrieden.
„Dann kommt mal in die Wohnküche, da erzähle ich euch die Geschichte.“
Die Kinder folgten artig. Die vollen Stiefel wie einen Schatz tragend. Ihre Mutter dagegen ging in den Stall, um nach den Tieren zu sehen. Sie kannte die Geschichten ihres Vaters bereits.
„Früher war der Nikolaus der Bischof einer Hafenstadt namens Myra“, begann er, als sie gemütlich beisammensaßen.
„Myra? Wo ist das?“, fragte Max. Den Namen hatte er noch nie gehört.
„Myra lag in der Türkei. Wäre ich jetzt auch gerne. Da ist es schön warm. Und euer Vater müsste nicht streuen.“
„Opa das Korn“, erinnerte Mia.
„Ach ja, stimmt. Also, die Stadt Myra hatte eine schlechte Ernte eingefahren und die Leute nichts zu essen. Damals gab es keine Lieferdienste und Supermärkte. Und Flugzeuge und Lkws schon gar nicht. Man war noch mehr auf die regionalen Landwirte angewiesen. Wenn die also keine Erträge brachten, drohte das Volk zu verhungern.“
„Gab es keine Händler?“
„Doch schon. Aber die mussten weite Fahrten zurücklegen. Zum Glück der Leute in Myra lag aber derzeit ein Handelsschiff im Hafen. Nur war das Getreide darin für den Kaiser bestimmt.“
„Ein bisschen Getreide weniger, das merkt doch keiner“, winkte Max ab.
„Ja, immerhin verhungern die Menschen sonst. Da kann der Kaiser ruhig was abgegeben.“
„Das Problem war nur, das Getreide war gewogen. Sollte die Zahl auf der Waage bei der Ankunft der Ware nicht stimmen, drohten den Händlern harte Strafen.“
„Man kann auch mal ein Auge zudrücken“, murmelte Max.
„Genau“, genau stimmte Mia ihrem Bruder zu.
„So einfach ging das nicht. Aber der Nikolaus redete mit den Händlern und versicherte ihnen, dass, wenn sie Milde walten ließen, das Gewicht bei ihrer Ankunft dennoch stimmen würde.“
„Und das haben sie ihm geglaubt?“, fragte Max skeptisch.
„Ja. Aber ich denke sie haben vor allem das Leid der Menschen gesehen und einfach auf das Beste gehofft. Sie ließen jedenfalls einen großen Teil in Myra. So viel, dass die Bevölkerung schließlich noch zwei Jahre davon leben konnte und sogar noch etwas für die Aussaat reichte.“
„Und was war mit dem Kaiser? Und den Händlern?“, hakte Mia nach, die sich um die gütigen Händler sorgte.
Der Opa lächelte. „Als die Händler bangend in Konstantinopel eintrafen, stellten sie fest, dass das Gewicht des Korns bis auf das letzte Gramm stimmte. Bischof Nikolaus hatte also Wort gehalten.“
„Zum Glück“, freute sich Mia.
„Aber wie geht das?“
„Es war ein Wunder“, erklärte ihr Opa. „Und für Bischof Nikolaus auch nicht das erste. Wichtig bei der Geschichte ist allerdings nicht das Wunder an sich. Sondern, dass der Bischof sich für die Menschen einsetzte und auch, dass die Händler aus Mitgefühl ihren eigenen Hals riskierten, um Fremden zu helfen. Schließlich konnten sie nicht wissen, wie es für sie ausgehen würde. Das sollte man ihnen hoch anrechnen oder was meint ihr?“
„Ja.“ „Unbedingt.“
„Oh, ich sehe schon, du erzählst wieder eine deiner Geschichten“, drang eine Stimme aus dem Flur, ehe das passende Gesicht durch die Tür lugte.
„Papa!“ Stürmisch begrüßten die beiden ihren Vater.
„Na, ihr beiden.“
„Fertig mit dem Streuen?“, fragte der Opa mit strengem Blick.
Der Papa lachte. „Schon lange. Ich muss mit dem Traktor nur noch rüber zu den Werners? Wollt ihr mitkommen?“
„Au ja!“, riefen die Kinder begeistert.
Traktorfahren war das Größte.
„Na dann, Sachen an, es ist schweinekalt draußen.“
Die Kinder sahen sich an, dann ihre Stiefel, dann den Opa.
„Gleich!“, rief Mia. „Aber erst essen wir den Apfel. Wegen dem Nikolaus.“
Opa lächelte zufrieden. „Genau so hat er sich das gedacht.“
„Vielleicht wird der ja in deinem Magen verdoppelt“, scherzte Max.
Mia verdrehte die Augen. „Witzig“, erwiderte sie und biss kräftig von dem Apfel ab.
Sogleich breitete sich die Süße in ihrem Mund aus. Ob Wunder, verdoppelt oder was auch immer – lecker war er allemal.
„Schau mal es schneit!“, rief Max und stürmte zum Fenster. Mia folgte eilig.
„Oh! Wie schön!“
Der Papa und der Opa traten ebenfalls ans Fenster.
Draußen tanzten die ersten Flocken im Licht des Hofscheinwerfers.
„Na, wer weiß“, sagte der Opa leise. „Vielleicht werden es dieses Jahr wieder weiße Weihnachten.“
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