Der Kater im Karton erzählt liebenswerte und phantasievolle Geschichten

Hallo, ich bin’s! Ich bin der Kater im Karton und heiße doch tatsächlich so. Nicht Minka, Murkel oder Schmusi, übrigens ein ganz unwürdiger Name für eine Katze, das muss an dieser Stelle mal gesagt sein, sondern Kater im Karton. Und das kam so: …

 

Meine Mama war eine Streunerin. Sie liebte das freie, wilde Katzenleben, lief dahin, wo waghalsige Mäusejagden oder ein verlockender Geruch sie führten. Mit Menschen hatte sie kaum zu tun, außer dass sie sich an kalten Wintertagen in ihren Ställen oder Schuppen ein warmes Plätzchen suchte. Als es Zeit wurde, dass ich auf die Welt kam, suchte sie sich die Werkstatt von Meister Biesold aus. Der war ein etwas eigenbrödlerischer, einsilbiger, aber freundlicher Buchbinder. Wisst ihr so einer, der alte Bücher ausbessert und von Blattläusen befreit oder neue Geschichten in duftendes Leder oder glänzende Stoffe verpackt, damit man nicht nur beim Lesen, sondern schon beim Anblick Freude hat. Von seiner Sorte gibt es aber nicht mehr viele. Ein aussterbender Zweig sagt Meister Biesold immer, auch wenn ich persönlich nichts Holziges an ihm finden kann. Wo war ich stehen geblieben? Genau, meine Mama! Hat sie sich doch schlau die Holzkiste mit den weichen Stofflappen links unter der Werkbank ausgesucht, dort wo die Heizungsrohre vorbeilaufen und es für ein so kleines Kerlchen wie mich damals kuschelig warm war. TEE und INDIEN stand auf der Kiste drauf. So wurde ich also in Indien geboren und meine Vorliebe für Kisten und Kartons begründet. Sobald ich auf eigenen Tatzen stehen konnte, bekam meine Mama dieses Zucken in den Schnurrhaaren, das Streuner bekommen, wenn sie zu lange an einem Ort sind. Die Sehnsucht nach Abenteuern, die habe ich von ihr. Nur, dass ich lieber zu Hause bleibe und in Gedanken in der ganzen Welt herumstreune, aber so weit sind wir noch nicht. Also, die Werkstatt wurde mein zu Hause. Irgendwie muss es Meister Biesold gefallen haben, so ungefragt Gesellschaft bekommen zu haben. Er stellte mir Futter hin, streichelte mich und redete mit mir während er arbeitete. All das tut er übrigens heute noch. Manchmal lege ich mich auf das Regal hoch über seinem Kopf, schnurre ihm eine alte Katzenweise vor und kitzele ihn mit meiner Schwanzspitze an der Nase. Dann murrt er zwar etwas, das wie „JosephMariaNochmal!“ klingt, aber ich weiß, dass er es eigentlich mag. Mit der Zeit lernte ich bei ihm alles über Bücher und die wundersamen Geschichten, die sich darin verstecken. Über Bischöfe und Ritter, die in ein heiliges Land zogen, um dort zu kämpfen. Oder einen Mann, der in Afrika jahrelang den Eingang zu einem See suchte. Ex-pe-di-tion, solche schweren Worte kamen darin vor und ich lernte sie lesen! Ein schönes Leben, findet Ihr nicht? Aber es kommt noch besser. Wenn nämlich Meister Biesold die Dose mit dem stinkenden Leim holt, der mir in der Nase beißt oder wenn er die Maschine anstellt, die fürchterlich in den Ohren kreischt, dann flüchte ich zu seiner Tochter in den Laden nebenan. Anti-qua-riat steht über der Tür, noch so ein schwieriges Wort. Das bedeutet, sie kauft und verkauft alte Bücher und Geschichten. Zu hunderten stehen sie bei ihr in den Regalen. Deshalb riecht es auch so geheimnisvoll. Eine exzellente Mischung aus Fernweh, Gedankenmief und Fabulierküche nennt sie das, mit einem Spritzer Tabak und Zitronenmelisse. Manchmal, wenn wenig los ist, hält sie sich die Augen zu, streicht mit einem Finger an den Buchrücken entlang, bis ich »Stopp« sage und wir schmökern gemeinsam in dem Zufallsfund. Da kann man Dinge entdecken, ich sage euch! Es ist auch schon passiert, dass ein Kapitän im Laden vorbeikam und seine Tagebücher dagelassen hat. Darin wimmelte es nur so von Piraten. Oder eine alte Zauberin, die alle Rezepte aus ihrem Zauberbuch auswendig konnte und es nicht mehr brauchte. Spinnenbein und Vogelkralle – da erlebt man was! Hin und wieder verliert auch mal ein Buch eine Geschichte. Aber keine Angst! Denn dafür gibt es ja mich und meinen Lieblingsplatz im Anti-qua-riat, den Karton. »Phantasia« steht in grüner, schon leicht verblasster Schrift außen drauf, und »Obstsalat gezuckert«. Aber das ist völlig egal. Alle wissen, das ist mein Karton und da hinein kommen alle verloren gegangenen und zugelaufenen Geschichten … und ich oben auf. Wenn ihr Glück habt, finde ich auch nächstes Mal wieder eine, die erzählt sein will. Bis dahin also – euer Kater im Karton.

Erdacht und aufgeschrieben von Diana Smikalla