Die Geschichte des Christbaums

Von Milena Isensee

 

„Schneller!“, johlte Mia und rückte ihre Mütze zurecht.

„Ja, schneller!“, stimmte ihr Bruder Max begeistert zu.

Mit einem kurzen Ruf trieb ihr Opa den Schimmel an und ihr Schlitten schoss über den glitzernden Schnee.

„Noch schneller!“, forderte Max lachend.

„Noch schneller geht nicht. Sonst verlieren wir den Baum“, mahnte Opa Helmut.

Mia sah nach hinten. Doch der Baum lag weiterhin unbeschadet auf der Lade.

Das wäre was, Weihnachten ohne Tannenbaum.

„Wieso holen wir den Baum eigentlich mit dem Schlitten ab und nicht mit Papas Hänger?“, hakte Mia nach als das Pferd wieder in den Schritt wechselte.

„Weil das so Tradition ist“, antwortete ihr Bruder mit tiefer Stimme. Er grinste seinen Opa schief an.

„Frechdachs. An deiner Imitation musst du noch arbeiten. Aber recht hast du. Es ist Tradition. Ich habe als Kind schon mit meinem Großvater den Baum im Schlitten abgeholt und der hat das mit seinem Vater auch schon getan.“

„Damals gab es ja auch noch keine Autos“, warf Max ein.

Ihr Opa lachte. „So alt bin ich nun auch nicht. Das erste Auto und der erste Traktor mit Motor kamen Ende des 19. Jahrhunderts auf den Markt.“

„Bist du wirklich nicht so alt? Du bist doch sicher schon mindestens hundert.“

„Vielen Dank, Max. Ich bin noch keine hundert und selbst wenn, würden da trotzdem noch einige Jahrzehnte dazwischenliegen.“

„Ist Papa auch mit seinem Opa rausgefahren?“, fragte Mia.

„Und wie er das ist. Er konnte es immer kaum erwarten.“

„Macht ja auch Spaß“, stimmte Max zu.

„Und schön ist es auch“, ergänzte Mia mit Blick auf die Landschaft.

Der Schnee hatte die Erde weiß gefärbt. Selbst die Äste der kahlen Bäume waren mit Frost überzogen.

Mia fiel jetzt erst einmal auf, wie still es geworden war. Kein Tier war zu hören, als läge die Welt unter einer Haube. Die richtige Zeit, um seinen eigenen Gedanken nachzugehen.

„Du Opa? Wieso haben wir eigentlich einen Tannenbaum?“, fragte Mia mit einem Mal.

„Weil es zu Weihnachten dazu gehört!“ Max verdrehte die Augen.

„Aber in der Weihnachtsgeschichte kommt kein Tannenbaum vor!“, verteidigte Mia sich.

„Du hast recht. Immergrüne Pflanzen wurden schon vor Christusgeburt verehrt, weil sie für Leben und Fruchtbarkeit stehen. Die Römer schmückten ihre Häuser zum Jahreswechsel zum Beispiel mit Lorbeerzweigen.“

„Was? Wirklich schon die Römer?“, fragte Max mit großen Augen.

„Ja, schon die. Im Mittelalter begann man Bäume zu bestimmten Anlässen zu schmücken. Nehmt den Maibaum zum Beispiel.“

„Was war der Maibaum nochmal?“

„Das war der mit den Schnüren. Um den tanzt man doch herum“, erklärte Max.

„Ach ja, stimmt.“

„Gut gemerkt, Max. Im Mittelalter wurde zu Weihnachten nicht das Krippenspiel vorgetragen, sondern wie Adam und Eva damals aus dem Paradies geworfen wurden. Dazu wurde ein Baum mit Äpfeln behangen.“

„Da kommt Weihnachtsstimmung auf“, kommentierte Max augenrollend.

„Ja, da hast du Recht. Aber der nächste Brauch wird dir vielleicht besser gefallen. Der älteste Bericht über einen Weihnachtsbaum stammt aus Freiburg in Breisgau. Dort haben Bäckerknechte einen Baum mit Oblaten, Äpfeln, Nüssen und allerlei Naschwerk geschmückt. Die Kinder durften den Baum im Neujahr abernten.“

„Auf nach Freiburg!“, rief Mia begeistert.

„Dieser neue Brauch bereitete der Forstwirtschaft damals allerdings einige Probleme, weshalb es zu Einschränkungen kam.“

„Wegen ein paar Weihnachtsbäumen?“ Max war skeptisch.

„Du hast natürlich recht. Es war nicht nur der neue Brauch: Im Allgemeinen war der Forstbestand durch Siedlungsbau stark dezimiert. Der neue Brauch kam zusätzlich dazu.“

„Was heißt dezi…zimrt?“ Mia wollte dieses seltsame Wort einfach nicht über die Zunge gehen.

„Das bedeutet, dass damals viele Bäume gefällt und dadurch die Wälder immer kleiner wurden.“

„Ah.“

„Im Elsass gab es weitverbreitet die Weihnachtsmeien. Aber zunächst hatte nur die reiche Bevölkerung einen Weihnachtsbaum bei sich zu Hause stehen. So selbstverständlich wie heute war das damals also nicht. Das kam erst viel später.

Im 17. Jahrhundert wurde der Baum zu einem festen Weihnachtserlebnis. Aber damals noch ohne Kerzen. Und der Schmuck änderte sich auch ständig. Beinahe in jeder Familie integriert und mit Lichtschmuck versehen, ist er erst seit dem 19. Jahrhundert anzufinden. Ihr seht, der Baum hat schon eine ganze Geschichte hinter sich.“

„Stimmt. Und jede Familie hat ja auch noch ihre eigenen Bräuche“, warf Mia ein.

„Ja, wie wir mit der Schlittenfahrt oder unseren Strohsternen.“

„Da habt ihr recht. Alles gleich wäre auch ziemlich langweilig. Freut ihr euch schon auf das Schmücken?“

„Au ja!“

„Jetzt noch viel mehr!“, rief Mia.

„Na dann, sehen wir zu, dass wir nach Hause kommen.“

Der Opa trieb den Schimmel an. Der Schlitten schoss durch den Schnee. Begleitet von Kindergelächter fuhren sie nach Hause.

 

 

Das Bild wurde mit Gemini erstellt.