Eine Geschichte zum St. Martinstag

Mia und Max und das Geheimnis der Laternen

Von Milena Isensee

Der November war angebrochen und mit ihm kam die Kälte. Unlängst hatten die Bäume ihre Farben gewechselt und warfen ihre Blätter ab.

Die Geschwister Mia und Max dagegen befanden sich in der mulmig warmen Stube. Die Luft war erfüllt von einem aromatisch-würzigen Duft.

Die Kinder saßen mit ihrem Großvater am großen Esszimmertisch und bastelten an ihren Laternen für den Abend – gaben ihnen den letzten Schliff.

Opa Helmut hatte dabei immer die besten Ideen, wenn auch die ulkigsten.

Für Max gab es eine Laterne aus einer Konservendose. Mit Nägeln ein Lochmuster gehauen und anschließend angemalt und hübsch verziert.

Mia arbeitete an einer Laterne aus einer abgeschnittenen PET-Flasche. Auch hier wurden Motive gestanzt, doch statt bemalt wurde die Flasche mit Transparentpapier beklebt.

„Wisst ihr eigentlich auch warum wir am 11. November auf die Straße gehen?“, fragte Opa Helmut mit einem Mal.

„Natürlich, wegen St. Martin“, erwiderte Max sofort.

„Und wer war das?“, hakte ihr Opa nach.

„Ein Soldat“, war es nun Mia, die antwortete.

„Ein römischer Soldat, um genau zu sein. Und was hatte er gemacht? Man widmet ja niemanden ohne Grund einen Feiertag.“

„Irgendwas geteilt“, murmelte Max und bemühte all seine Gehirnzellen, aber die Geschichte wollte ihm nicht mehr einfallen.

„Da war was mit einem Bettler“, fügte Mia hinzu.

„Also“, begann ihr Opa mit seiner Erzählstimme. „Martin war ein junger römischer Soldat, der eines Tages durch die Kälte ritt. Es war so kalt, dass sich der Atem in der Luft abzeichnete. Doch Martin war durch seinen langen Mantel gut gegen die Kälte geschützt. Nicht so der Bettler, an dem er vorbeiritt. Bibbernd saß dieser da, in Kleidung die nicht im Geringsten Schutz vor der Kälte bot. Sein Elend war offensichtlich, doch die Menschen liefen an ihm vorbei. Sahen ihn nicht. Nicht aber so Martin. Martin sah den Mann und hielt sein Pferd vor jenem. Ohne zu zögern, teilte Martin mit dem Schwert seinen Mantel.“

„Hätte er ihn nicht einfach seinen geben können?“; fragte Max.

„Ja und dann erfriert er selbst. Noch andere Ideen?“ murrte Mia.

„Er hat ihn geteilt“, sprach Opa ernst um die Streithähne zu unterbrechen. „Am Abend erschien ihm Jesus im Traum und er fand zum Glauben. Aber auch wenn wir die Religion beiseitelassen, lehrt uns die Geschichte Mitgefühl und Barmherzigkeit.“

„Da kam nicht eine einzige Laterne drin vor“, stellte Max fest.

„Stimmt, wieso dann eigentlich Laternen?“

„Das hat mit dem Erntefeuer zu tun. Früher wurden auf den abgeernteten Feldern Feuer entzündet – um Danke zu sagen, für die reiche Ernte. Und die Christen hatten schon immer Lichterprozessionen. Das ließ sich gut verbinden.“

„Was sind Lichterprozessionen?“, stutzte Mia.

„Ähnlich wie der Umzug mit den Laternen. Die Christen früher hatten allerdings Kerzen statt Laternen. Licht vertreibt seit jeher die Dunkelheit und steht für Hoffnung und die Verbreitung von Liebe. Was gut zu St. Martin und seiner Barmherzigkeit passt.“

Für einen Moment waren die Kinder leise – verarbeiteten was sie erfahren hatten. Für einen Moment zumindest.

„Und was ist mit der Gans?“

„Welche Gans?“, fragte Mia ihren Bruder.

„Na die, die wir jedes Jahr essen und auch jetzt im Ofen brät“, erwiderte Max mit den Augen rollend.

„Musst ja nicht gleich so ein Stinkstiefel sein. Aber sag Opa, was ist mit der Gans?“

„Später bot man Martin an Bischof zu werden, doch der wollte nicht, also versteckte er sich im Gänsestall.“

„Wieso wollte er nicht?“

„War vielleicht schüchtern“, mutmaßte Mia.

„Er war eben bescheiden. Jedenfalls reagierten die Gänse auf Martin und das Geschnatter führte die Leute zu ihm in den Stall. Weil die Gänse Martin verraten haben landen sie deshalb jedes Jahr in unserem Ofen.“

„Die arme Gans. Ich würde auch meckern, wenn Max einfach in mein Zimmer kommen würde um sich zu verstecken.“

„Was soll ich bitte in deinem Zimmer?“

„Mein Zimmer ist schön!“

„Finde ich nicht!“

Opa Helmut ließ das die Kinder unter sich ausmachen und sah lieber nach der Gans.

„Und was meint ihr? Können wir essen?“

„Au ja“, riefen sie im Einklang und waren wieder ein Herz und eine Seele.

Auch ihre Eltern kamen pünktlich zum Essen heim und lauschten den Erlebnissen ihrer Kinder. Im Geiste St. Martins teilten sie die Gans unter sich auf. Am Abend zogen sie in der großen Gemeinschaft durch die Straßen des Dorfes. Es wurde gesungen und gelacht. Und zusammen, zusammen war es gar nicht mehr so kalt. Zusammen erfüllten sie die Dunkelheit mit Licht.