Von Milena Isensee
„Ah! Ein Elefant!“
„Wo ist das bitte ein Elefant?“, wollte Max wissen.
„Na guck doch! Hier ist der Rüssel“, erklärte Mia und hielt das Blei in ihren Händen so, dass Max einen guten Blick auf ihre Figur hatte.
„Elefant: Du hast viel Kraft und Verständnis“, las ihre Mutter vor.
„Siehst du? Das kann kein Elefant sein.“
Mias Blick glühte regelrecht. „Na, was hast du denn?“
„Keine Ahnung“, murmelte Max und drehte das Blei dabei in seinen Händen. „Sieht aus wie gewollt und nicht gekonnt.“
„Könnte ein Beil sein, oder ein Degen“, mutmaßte ihr Vater der einen Blick auf das Büchlein in den Händen seiner Frau warf.
Die Familie saß gemütlich in Opas Küche und wartete geduldig auf das neue Jahr. Vor ihnen auf dem Tisch stand eine Kerze und eine Schale mit Wasser für das Bleigießen.
„Was steht denn da?“, fragte Max.
„Ein Beil bringt Enttäuschung in der Liebe. Der Degen eine einschneidende Veränderung“, erwiderte ihre Mutter.
Max schnaufte. „Na dann nehme ich den Degen.“
„Was hast du Vater?“
„Hm“, machte Opa Helmut und musterte das Kunstwerk in seinen Händen genau.
„Könnte ein Ei sein.“
„Oh…“, murmelte ihr Papa, der mitlas.
„Na, was ‚oh‘? Was steht da?!“, wollte Max wissen.
„Deine Familie wird wachsen.“
„Habt ihr mir etwas zu erzählen?“, fragte Opa Helmut die beiden Eltern grinsend.
„Oh nein! Nicht noch ein Bruder!“
„Oh nein! Nicht noch eine Schwester!“
„Also ich habe eine Leiter“, unterband ihre Mutter mit lauter Stimme den aufkommenden Streit und betrachtete ihre silberne Figur.
Ihr Blick sprach Bände und die Zwillinge kannten sie gut genug, um zu wissen, dass sie es fertigbrachte, sie beide selbst an Silvester früh ins Bett zu schicken. Ein Risiko, das keiner von ihnen bereit war einzugehen.
„Für was steht die?“, fragte Mia mit einer Engelsstimme.
„Das ich befördert werde.“
„Glückwunsch.“ Ihr Vater lächelte.
„Was hast du, Papa?“ Mia sah neugierig zu ihrem Vater.
„Einen Schornsteinfeger und damit Glück in der Liebe. Das kann ich so unterschreiben“, erwiderte er und gab seiner Frau einen zärtlichen Kuss auf die Wange.
„Wo ist das bitte ein Schornsteinfeger? Sieht eher wie ein großer Klumpen Nichts aus“, murmelte Max.
„Alles reine Auslegungssache.“ Ihr Vater schmunzelte.
„Ich muss Max leider recht geben. Ein Schornsteinfeger ist das wirklich nicht.“
Der Opa lachte. „Mit Kindern kannst du nicht romantisch sein mein Sohn. Die nehmen alles ganz genau.“
„Ich fürchte auch.“
„Ich hol uns erstmal etwas zu Knabbern und die Spiele. Bis zum neuen Jahr dauert es noch ein paar Stündchen.“
„Was schreibst du auf?“, flüsterte Max und versuchte, auf den Zettel seiner Schwester zu linsen.
Diese schirmte ihn sogleich mit ihren Händen ab. „Nicht linsen! Sonst geht mein Wunsch nicht in Erfüllung!“
Die Zeit war wie im Flug vergangen. Sie hatten gespielt und gelacht, aber jetzt war das neue Jahr nicht mehr weit. Ihr Opa und Vater fachten draußen die Feuertonne an, während die Kinder ihre Wünsche fürs neue Jahr aufschrieben.
„Das ist doch nur Aberglaube.“
„Ja, und ich glaube dran. Also Augen weg.“
„Ich kann meine Augen nicht wegnehmen. Wie soll das denn gehen? Sind schließlich festgewachsen.“
„Streitet ihr etwa?“, kam es mahnend aus der Küche.
„Nein!“, riefen sie einstimmig. „Wir sind ganz artig.“
„Zumindest einer von uns“, murmelte Mia.
Max streckte ihr daraufhin die Zunge raus.
„Mia! Max!“
Die Kinder erstarrten, als sie die Stimme hinter sich hörten.
„Entschuldigung, Mama“, erklang es im Chor.
Brav schrieben die Kinder ihre Wünsche fürs neue Jahr auf.
Ihren Tieren zuliebe verzichtete die Familie auf Knaller und Raketen. Ihr Vater und Opa hatten einen Tag zuvor den Stall gedämmt, damit auch die Tiere stressfrei ins neue Jahr kamen. Doch damit sie trotzdem ihre Wünsche in die Welt schicken konnten, hatte sich ihre Familie etwas ganz Besonderes ausgedacht.
Dick eingepackt liefen die Kinder mit ihrer Mutter zusammen zum Rest der Familie, die um eine Feuertonne herum im Hof stand.
Aufgeregt spielte Mia mit dem Wunsch in ihren Händen, während Max wie gebannt vom Feuer war.
„10“, begann der Opa.
„9“, führte ihr Vater fort.
„8“, kam es von ihrer Mutter.
„7“, schloss sich Max der Aufzählung an.
„6“, rief Mia aufgeregt.
„5.“
„4.“
„3.“
„2.“
„1“, war erneut Mia an der Reihe.
„Frohes neues Jahr!“, riefen sie alle und schmissen ihren Wunsch ins Feuer.
Ein Zischen erklang, gefolgt von einem Knall. Der dunkle Himmel wurde mit Licht erhellt.
Mit großen Augen sahen sie nach oben. Während der Rauch in den Himmel aufstieg und ihre Wünsche mit sich forttrug.
Auf ein neues Jahr. Mögen all eure Wünsche und Vorsätze in Erfüllung gehen.
Das Bild wurde mit Gemini erstellt.
